Mathe‑AbiStartBau-CharterDesign-Spec

Dies ist eine vollständige mündliche Beispielprüfung aus dem Abitur-Konvolut 2023: Teil 1 (Vortrag) aus der Analysis, Teil 2 (Gespräch) aus der Stochastik. Alles ist rechnerfrei zu lösen. Arbeitet die Aufgabe wie eine echte Simulation durch — eine Person trägt vor, die andere prüft mit dem Lösungsweg und dem Prüfer-Leitfaden am Ende mit.

Lesehilfe für die Detailkästen. Jeder Lösungsschritt hat darunter einen klappbaren Kasten „Haltung dahinter". Der erklärt den Schritt von Grund auf — so, als hätte man den Stoff lange nicht mehr gesehen. Jeder Fachbegriff wird beim ersten Auftauchen in einfachen Worten erklärt. Wer nur das Ergebnis braucht, lässt die Kästen zu; wer verstehen will, klappt sie auf.

Kurzanleitung für die abfragende Person (zuerst lesen)

Du musst den Stoff nicht selbst beherrschen, um diese Aufgabe abzunehmen. So gehst du vor:

  • Lass die andere Person nur die grauen Aufgabenkästen sehen und laut erklären.
  • Du hast den ausgeklappten Lösungsweg vor dir. Vergleiche nicht Wort für Wort — achte auf die fett markierten Kernschritte und die Ergebnisse.
  • Die „Haltung dahinter"-Kästen erklären dir jeden Schritt in Alltagssprache. Lies sie ruhig selbst mit — danach kannst du die Erklärung der anderen Person einordnen, auch ohne Vorwissen.
  • Am Ende findest du den Prüfer-Leitfaden: dort steht je Teilaufgabe in einem Satz, was eine gute Antwort enthält und welche Rückfrage du stellen kannst.
  • Grüne Markierung = Grundwissen (sollte sicher sitzen), gelbe = anspruchsvoller (Nachfragen ok).

Werkzeug zum Nachschlagen: Die wiederkehrenden Stochastik-Werkzeuge (Wahrscheinlichkeit, Erwartungswert, Bernoulli-Kette, Binomialverteilung, Standardabweichung) stehen kompakt im Werkzeugkasten Stochastik (Anker u. a. `#erwartungswert`, `#bernoulli-kette`, `#binomialverteilung`). Die Analysis-Werkzeuge findest du in den Kapiteln Ableit-Handwerk, Integral-Grundlagen, Stammfunktion & Hauptsatz und Funktionsuntersuchung.


Teil 1 — Vortrag (Analysis): Wachstumsrate einer Pflanze

Die Funktion \( f \) beschreibt für \( t \ge 0 \) die Wachstumsrate einer Pflanze. Die Zeit \( t \) wird in Tagen, die Wachstumsrate \( f(t) \) in cm pro Tag angegeben. Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt des Graphen von \( f \).

a) Bestimme anhand der Abbildung \( f'(2) \) und \( \displaystyle\int_0^2 f(t)\,dt \).

b) Bestimme die ungefähre Höhe der Pflanze nach dem zweiten Tag, wenn die Pflanze zu Beobachtungsbeginn 20 cm hoch war.

c) Die Funktion \( f \) hat den Funktionsterm \( f(t)=8t\cdot e^{-t} \). Für die Ableitung gilt \( f'(t)=e^{-t}\cdot(8-8t) \). Berechne den Zeitpunkt, zu dem die Wachstumsrate der Pflanze am stärksten abnimmt.

d) \( F \) ist eine Stammfunktion von \( f \). Formuliere eine Fragestellung im Sachzusammenhang, die auf die Gleichung \( F(t+1)=F(t)+2{,}5 \) führt. Beschreibe, wie man mithilfe der Abbildung eine Lösung dieser Gleichung ermitteln kann.

Hier ist der Graph der Wachstumsrate \( f \). Die orange gestrichelte Linie ist die Tangente (die „Anlege-Gerade") bei \( t=2 \); die blau gefüllte Fläche ist das Stück zwischen Graph und \( t \)-Achse von \( t=0 \) bis \( t=2 \). Spiele mit dem Bild, bevor du die Lösung aufklappst.

Reproduzierter Graph von \( f(t)=8t\,e^{-t} \). Im Originalbild ist das Gitter in halben Kästchen (\( 0{,}5 \times 0{,}5 \)) gezeichnet — ein kleines Kästchen hat also den Flächeninhalt \( 0{,}5\cdot 0{,}5 = 0{,}25 \). Das brauchst du in a).

Teilaufgabe a) — \( f'(2) \) und das Integral aus dem Bild ablesen

AB I — Grundkompetenz

Lösung Schritt für Schritt anzeigen

Teil 1 — die Steigung \( f'(2) \). \( f'(2) \) ist die Steigung des Graphen an der Stelle \( t=2 \). Man legt im Punkt \( (2 \mid f(2)) \) eine Tangente an und liest ihr Steigungsdreieck ab: Geht man 1 nach rechts, fällt die Tangente um etwa 1 nach unten. Die Steigung ist also negativ und ungefähr

\[ f'(2) \approx -1. \]

Teil 2 — das Integral \( \displaystyle\int_0^2 f(t)\,dt \). Das Integral ist der Flächeninhalt zwischen dem Graphen und der \( t \)-Achse von \( t=0 \) bis \( t=2 \) (blaue Fläche). Diese Fläche zählt man in Kästchen aus. Im Originalbild liegen unter dem Kurvenstück etwa \( 19 \) kleine Kästchen, und jedes Kästchen ist \( 0{,}25 \) groß:

\[ \int_0^2 f(t)\,dt \;\approx\; 19\cdot 0{,}25 \;=\; \frac{19}{4} \;=\; 4{,}75. \]

Haltung dahinter: Was heißt „Ableitung an einer Stelle", und wie liest man eine Steigung ab? (ganz von vorn)

Ganz langsam, was hier gefragt ist.

Steigung. Die Steigung sagt, wie steil eine Linie ansteigt oder abfällt. Bei einer Geraden misst man sie mit einem Steigungsdreieck: „Gehe ein Stück nach rechts, schaue, wie viel es dabei nach oben (oder unten) geht." Steigung \( = \dfrac{\text{Höhenänderung}}{\text{Schritt nach rechts}} \). Geht es nach unten, ist die Steigung negativ.

Ableitung \( f'(2) \). Eine krumme Kurve hat an jeder Stelle eine andere Steilheit. Die Ableitung \( f'(2) \) ist genau die Steigung der Kurve an der einen Stelle \( t=2 \). Man bekommt sie, indem man dort die Tangente anlegt — das ist die Gerade, die sich an dieser Stelle genau an die Kurve „anschmiegt" — und deren Steigung mit dem Steigungsdreieck abliest. Hier fällt die Kurve bei \( t=2 \), die Tangente geht abwärts, also ist \( f'(2) \) negativ. Ein Schritt nach rechts, ungefähr ein Schritt nach unten \( \Rightarrow f'(2)\approx -1 \).

Was bedeutet das im Sachzusammenhang? \( f \) ist die Wachstumsrate (wie schnell die Pflanze gerade wächst, in cm pro Tag). \( f'(2)\approx -1 \) heißt: Am zweiten Tag nimmt diese Geschwindigkeit ab — die Pflanze wächst noch, aber von Tag zu Tag langsamer.

Haltung dahinter: Was ist ein Integral, und warum ist es eine Fläche? (ganz von vorn)

Ein Integral \( \displaystyle\int_0^2 f(t)\,dt \) ist eine Maschine, die die Fläche zwischen dem Graphen und der \( t \)-Achse zwischen den senkrechten Grenzen \( t=0 \) (links) und \( t=2 \) (rechts) zusammenrechnet. Man kann es sich als „lauter hauchdünne senkrechte Streifen unter der Kurve, alle aufaddiert" vorstellen.

Weil hier die ganze Kurve über der \( t \)-Achse liegt, ist die Fläche einfach positiv — man muss nicht mit Vorzeichen aufpassen. Man darf sie deshalb direkt abzählen.

Kästchenzählen ganz langsam (mit Zahlen)

Das Kästchenzählen geht so: Man schaut, wie viele kleine Gitterquadrate unter dem Kurvenstück liegen, und multipliziert mit dem Flächeninhalt eines Quadrats.

  • Wie groß ist ein Kästchen? Im Bild ist das Gitter in Schritten von \( 0{,}5 \) gezeichnet. Ein Kästchen ist also \( 0{,}5 \) breit und \( 0{,}5 \) hoch. Sein Flächeninhalt: \( 0{,}5 \cdot 0{,}5 = 0{,}25 \). (Halb mal halb ist ein Viertel.)
  • Wie viele Kästchen? Volle Kästchen voll zählen, angeschnittene zu ganzen zusammenstückeln. Hier kommt man auf etwa \( 19 \) Kästchen.
  • Fläche: \( 19 \cdot 0{,}25 \). Rechne \( 19 \cdot 0{,}25 = 19 : 4 = 4{,}75 \). (Mal \( 0{,}25 \) ist dasselbe wie geteilt durch \( 4 \).)

Ergebnis: \( \displaystyle\int_0^2 f(t)\,dt \approx 4{,}75 \).

Typische Falle

Zwei Stolperstellen:

  • \( f'(2) \) mit \( f(2) \) verwechseln. \( f(2) \) ist der Wert der Kurve bei \( t=2 \) (ungefähr \( 2{,}2 \)). \( f'(2) \) ist die Steigung dort (ungefähr \( -1 \)). Gefragt ist die Steigung.
  • Kästchen mit Flächeninhalt \( 1 \) ansetzen. Weil das Gitter in Halben gezeichnet ist, hat ein kleines Kästchen nur \( 0{,}25 \). Wer mit \( 1 \) rechnet, bekommt das Vierfache heraus.

Teilaufgabe b) — Höhe der Pflanze nach dem zweiten Tag

AB II — Standardanforderung

Lösung Schritt für Schritt anzeigen

Die Pflanze war zu Beginn \( 20 \) cm hoch. Das Integral aus a) ist der Höhenzuwachs in den ersten zwei Tagen, nämlich \( 4{,}75 \) cm. Höhe nach dem zweiten Tag = Starthöhe + Zuwachs:

\[ 20 + 4{,}75 = 24{,}75. \]

Die Pflanze ist nach dem zweiten Tag ungefähr \( 24{,}75 \) cm hoch.

Haltung dahinter: Warum ist die Fläche unter der Rate genau der Zuwachs? (ganz von vorn)

Der Schlüssel ist der Unterschied zwischen Geschwindigkeit und zurückgelegtem Weg.

\( f \) ist eine Rate: Sie sagt, wie schnell die Pflanze gerade wächst — in cm pro Tag. Die gesamte Höhenänderung über einen Zeitraum bekommt man, indem man die Rate über die Zeit aufsummiert, und genau das tut das Integral.

Alltagsanalogie Tacho. Stell dir ein Auto vor. Der Tacho zeigt die Geschwindigkeit (km pro Stunde). Die gefahrene Strecke ist nicht der Tachowert selbst, sondern „Geschwindigkeit mal Zeit" — bzw. die Fläche unter der Geschwindigkeitskurve. Genauso hier: \( f \) ist der „Tacho" des Wachstums (cm pro Tag), und die Fläche unter \( f \) ist die „gefahrene Strecke", also der Höhenzuwachs in cm.

Die Einheiten zeigen es. \( f(t) \) hat die Einheit \( \tfrac{\text{cm}}{\text{Tag}} \), die Zeitspanne hat die Einheit \( \text{Tag} \). Multipliziert man (und ein Integral ist im Kern eine Multiplikation „Höhe mal Breite"), kürzt sich „Tag" weg und es bleibt cm — eine Länge, also eine Höhe. Deshalb ist \( \int_0^2 f\,dt = 4{,}75 \) ein Zuwachs von \( 4{,}75 \) cm.

Ganz langsam (mit Zahlen)
  • Starthöhe: \( 20 \) cm.
  • Zuwachs in 2 Tagen (= Fläche aus a)): \( 4{,}75 \) cm.
  • Endhöhe: \( 20 + 4{,}75 = 24{,}75 \) cm.

Das „ungefähr" steht da, weil der Zuwachs aus dem Abzählen der Kästchen kommt — ein abgelesener, gerundeter Wert.

Typische Falle

\( f(2) \approx 2{,}2 \) ist nicht die Höhe — das ist nur die Wachstumsgeschwindigkeit am zweiten Tag. Auch das „\( +20 \)" darf nicht vergessen werden: Das Integral liefert nur die Änderung der Höhe, nicht die Höhe selbst.

Teilaufgabe c) — Zeitpunkt der stärksten Abnahme

AB II — Standardanforderung

Lösung Schritt für Schritt anzeigen

Gesucht ist der Zeitpunkt, an dem die Wachstumsrate am stärksten abnimmt — also dort, wo der Graph von \( f \) am steilsten fällt. „Am steilsten fallen" heißt: die Steigung \( f' \) ist dort am negativsten, hat also ein Minimum. Ein Minimum von \( f' \) findet man, indem man die Ableitung von \( f' \) — das ist \( f'' \) — null setzt.

Schritt 1 — \( f'' \) bilden. Aus \( f'(t)=e^{-t}\,(8-8t) \) wird mit der Produktregel

\[ f''(t) = \underbrace{-e^{-t}}_{(e^{-t})'}\,(8-8t) \;+\; e^{-t}\,\underbrace{(-8)}_{(8-8t)'} = e^{-t}\big(-8+8t-8\big) = e^{-t}\,(8t-16) = 8\,(t-2)\,e^{-t}. \]

Schritt 2 — null setzen. Ein Produkt ist null, wenn ein Faktor null ist. Da \( e^{-t} \) nie null wird, bleibt nur der Faktor \( (t-2) \):

\[ 8\,(t-2)\,e^{-t} = 0 \;\;\Longrightarrow\;\; t-2 = 0 \;\;\Longrightarrow\;\; t = 2. \]

Schritt 3 — prüfen, dass es wirklich die stärkste Abnahme ist. \( f''(t)=8(t-2)e^{-t} \) wechselt bei \( t=2 \) das Vorzeichen von minus (für \( t \lt 2 \)) zu plus (für \( t \gt 2 \)). Damit hat \( f' \) bei \( t=2 \) ein Minimum — die Steigung ist dort am negativsten. Also nimmt die Wachstumsrate nach \( 2 \) Tagen am stärksten ab.

Haltung dahinter: „am stärksten abnehmen" — welche Ableitung ist das überhaupt? (ganz von vorn)

Hier stapeln sich drei Ebenen aufeinander, deshalb der Reihe nach.

  • \( f \) selbst ist die Wachstumsrate (wie schnell die Pflanze wächst).
  • \( f' \) ist die Steigung von \( f \) — also wie schnell sich die Wachstumsrate ändert. Ist \( f' \lt 0 \), so sinkt die Rate (die Pflanze verliert an Schwung).
  • „Am stärksten abnehmen" heißt: dieses Sinken ist am heftigsten, die Rate stürzt am schnellsten — \( f' \) ist so negativ wie nirgends sonst, hat also ein Minimum.

Und ein Hoch- oder Tiefpunkt einer Funktion liegt dort, wo ihre Ableitung null ist. Die Ableitung von \( f' \) ist \( f'' \). Deshalb: \( f''(t)=0 \) setzen. Der Punkt, den man findet, heißt Wendepunkt von \( f \) — die Stelle, an der die Kurve von „Linkskurve" auf „Rechtskurve" umschaltet und genau dazwischen am steilsten ist.

Produkt- und Kettenregel — wozu hier?

\( f'(t)=e^{-t}\,(8-8t) \) ist ein Produkt aus zwei Bausteinen: \( e^{-t} \) und \( (8-8t) \). Die Produktregel sagt, wie man so etwas ableitet: „erster Baustein abgeleitet mal zweiter, plus erster mal zweiter abgeleitet."

  • Ableitung von \( e^{-t} \): Das ist \( -e^{-t} \). (Die Kettenregel: außen bleibt \( e^{-t} \) stehen, mal innere Ableitung von \( -t \), die \( -1 \) ist — also \( e^{-t}\cdot(-1)=-e^{-t} \).)
  • Ableitung von \( (8-8t) \): Das ist \( -8 \) (die \( 8 \) fällt weg, aus \( -8t \) wird \( -8 \)).

Zusammengesetzt: \( f''(t) = (-e^{-t})(8-8t) + e^{-t}(-8) \). Ausmultiplizieren und zusammenfassen ergibt \( e^{-t}(8t-16) = 8(t-2)e^{-t} \). Ausführlich: Ableit-Handwerk.

Ganz langsam (mit Zahlen): warum ist \( t=2 \) wirklich der steilste Abfall?

Vergleiche die Steigung \( f' \) an ein paar Stellen — je negativer, desto steiler fällt \( f \):

  • \( f'(1) = e^{-1}(8-8\cdot 1) = e^{-1}\cdot 0 = 0 \). Bei \( t=1 \) ist die Steigung null — das ist der Höhepunkt der Wachstumsrate (die Kurve ist dort oben am Bogen waagerecht).
  • \( f'(2) = e^{-2}(8-16) = e^{-2}\cdot(-8) \approx -1{,}08 \).
  • \( f'(3) = e^{-3}(8-24) = e^{-3}\cdot(-16) \approx -0{,}80 \).

\( -1{,}08 \) ist negativer als \( -0{,}80 \). Bei \( t=2 \) fällt die Kurve also steiler als bei \( t=3 \) — und steiler als überall sonst. Das bestätigt \( t=2 \).

Typische Falle

„Wachstumsrate am stärksten abnehmend" wird oft mit zwei anderen Stellen verwechselt:

  • mit dem Maximum der Rate (das ist \( t=1 \), wo \( f \) am höchsten und \( f'=0 \) ist) — da wächst die Pflanze am schnellsten, aber die Rate nimmt dort nicht ab;
  • mit einer Nullstelle von \( f \) — da wäre gar kein Wachstum mehr.

Gesucht ist der Wendepunkt von \( f \): \( f''=0 \), Vorzeichenwechsel von \( f' \). Das ist \( t=2 \).

Teilaufgabe d) — Fragestellung formulieren und grafisch lösen

AB III — vertiefte Vernetzung

Lösung Schritt für Schritt anzeigen

Die Fragestellung. \( F \) ist eine Stammfunktion von \( f \); im Sachzusammenhang ist \( F(t) \) die bis zum Zeitpunkt \( t \) angesammelte Höhenzunahme. Dann ist

\[ F(t+1) - F(t) = \int_t^{t+1} f(\tau)\,d\tau = \text{Zuwachs der Höhe während des Tages von } t \text{ bis } t+1. \]

Die Gleichung \( F(t+1)=F(t)+2{,}5 \) sagt also: dieser Zuwachs ist genau \( 2{,}5 \) cm. Eine passende Frage lautet:

„Innerhalb welchen \( 1 \)-Tages-Zeitraums nimmt die Höhe der Pflanze um \( 2{,}5 \) cm zu?"

Lösung mithilfe der Abbildung. \( F(t+1)-F(t) \) ist der Flächeninhalt unter dem Graphen von \( f \) über dem Intervall \( [\,t,\;t+1\,] \). Man legt also einen senkrechten Streifen der Breite \( 1 \) unter die Kurve und verschiebt ihn nach rechts, bis die eingeschlossene Fläche genau \( 2{,}5 \) beträgt (in Kästchen: \( 2{,}5 : 0{,}25 = 10 \) Kästchen). Die Lage des linken Randes dieses Streifens ist eine Lösung der Gleichung.

Ein Streifen der Breite 1 (orange). Man schiebt ihn waagerecht, bis seine Fläche \( =2{,}5 \) ist; der linke Rand des Streifens ist dann die gesuchte Lösung \( t \).
Haltung dahinter: Was ist eine Stammfunktion im Sachzusammenhang, und warum ist die Differenz eine Fläche? (ganz von vorn)

Stammfunktion. Eine Stammfunktion \( F \) von \( f \) ist „Ableiten rückwärts": Ihre Ableitung ist wieder \( f \), also \( F'=f \). Wenn \( f \) die Wachstumsrate ist, dann ist \( F \) die davon aufsummierte Größe — die angesammelte Höhenzunahme seit dem Start. Bild: \( f \) sind die täglichen Einzahlungen aufs Konto, \( F \) ist der Kontostand.

Differenz von Kontoständen. \( F(t+1) \) ist der Kontostand am Tag \( t+1 \), \( F(t) \) der am Tag \( t \). Die Differenz \( F(t+1)-F(t) \) ist also genau das, was in diesem einen Tag dazugekommen ist — der Zuwachs zwischen \( t \) und \( t+1 \).

Warum eine Fläche? Der Hauptsatz der Differenzial- und Integralrechnung verknüpft beides: \( \displaystyle\int_t^{t+1} f\,d\tau = F(t+1)-F(t) \). Das Integral ist die Fläche unter \( f \). Also ist der Tageszuwachs gleich der Fläche unter der Ratenkurve über diesem Tag — und Flächen kann man im Bild abzählen. (Mehr dazu: Stammfunktion & Hauptsatz.)

Wie genau „verschiebt" man den Streifen — und gibt es mehrere Lösungen?

Praktisch: Man nimmt ein Rechteck-Fenster der Breite \( 1 \), legt es ganz links unter die Kurve (\( t=0 \): Fenster \( [0,1] \)) und schiebt es Schritt für Schritt nach rechts. Bei jeder Position zählt man die eingeschlossenen Kästchen. Gesucht ist die Position mit \( 10 \) Kästchen (Fläche \( 2{,}5 \)).

Beim Wandern passiert Folgendes: Anfangs liegt der Streifen über dem hohen Bogen der Kurve, die Fläche ist groß; ganz rechts ist die Kurve fast platt, die Fläche winzig. Dazwischen durchläuft die Fläche den Wert \( 2{,}5 \). Weil der Tageszuwachs erst etwas steigt (bis der Streifen genau über dem höchsten Bogen sitzt) und danach fällt, wird der Wert \( 2{,}5 \) sogar an zwei Positionen getroffen — beim Hinaufgehen und beim Herunterkommen. Jeder der beiden linken Ränder ist eine gültige Lösung. Für die mündliche Prüfung genügt das beschriebene Verfahren; man muss keinen exakten Zahlenwert ausrechnen.

Kurz-Spickzettel Teil 1 (erst nach dem eigenen Versuch aufklappen)
  • a) \( f'(2) \approx -1 \); \( \displaystyle\int_0^2 f(t)\,dt \approx 19\cdot 0{,}25 = \tfrac{19}{4} = 4{,}75 \)
  • b) Höhe \( = 20 + 4{,}75 = 24{,}75 \) cm
  • c) \( f''(t) = 8\,(t-2)\,e^{-t} \); \( f''(t)=0 \Rightarrow t=2 \) (nach \( 2 \) Tagen)
  • d) Frage: „In welchem \( 1 \)-Tages-Zeitraum wächst die Pflanze um \( 2{,}5 \) cm?" — Streifen der Breite \( 1 \) verschieben, bis die Fläche \( 2{,}5 \) (\(=10\) Kästchen) ist; linker Rand = Lösung.

Teil 2 — Gespräch (Stochastik): Würfel mit dem Netz 1, 2, 2, 3, 4, 6

Input. Gegeben ist das Netz eines Würfels. Die sechs Flächen tragen die Augenzahlen \( 1,\ 2,\ 2,\ 3,\ 4,\ 6 \) (die „\( 2 \)" kommt zweimal vor, eine „\( 5 \)" gibt es nicht).

Im Gespräch denkbare Aspekte:

  • (AB I) Die Zufallsgröße \( X \) beschreibt die Augenzahl beim einmaligen Würfeln. Bestimme \( P(X \lt 4) \) und den Erwartungswert \( E(X) \).
  • (AB II) Erläutere die Bedeutung des Erwartungswerts. Beurteile, ob das Spiel „Einsatz \( 1\,€ \); Gewinn bei Augenzahl \( 2 \): \( 3\,€ \); sonst geht der Einsatz verloren" fair ist. Bestimme die Wahrscheinlichkeit beim zweimaligen Würfeln für die Augensumme \( 8 \). Beschreibe ein Zufallsexperiment mit diesem Würfel, das eine Bernoulli-Kette darstellt.
  • (AB III) Beurteile die Aussage „Der Erwartungswert einer Zufallsgröße ist der Wert, der am wahrscheinlichsten ist." Beurteile außerdem: Beim \( 100 \)-maligen Würfeln fallen sechs Sechser — „Ich zweifle, dass der Würfel fair ist."

Vorab, in einem Satz, eine Annahme für die ganze Aufgabe: Wir gehen von einem fairen Würfel (Laplace-Würfel) aus — der Körper ist ein gleichmäßiger Würfel, sodass jede der sechs Flächen mit Wahrscheinlichkeit \( \tfrac16 \) oben landet. Wichtig ist nur die Fläche, nicht die Zahl darauf. Weil zwei Flächen eine „\( 2 \)" zeigen, ist \( P(X=2)=\tfrac{2}{6} \). (Im letzten Aspekt wird genau diese Fairness-Annahme dann hinterfragt.) Alle Grundbegriffe stehen kompakt im Werkzeugkasten Stochastik.

So sieht das Würfelnetz aus (saubere Nachzeichnung), daneben die daraus folgende Verteilung von \( X \):

1 2 2 3 4 6
Würfelnetz: Flächen \( 1, 2, 2, 3, 4, 6 \).
1/6 2/6 1 2 3 4 5 6 Augenzahl x E(X) = 3 (Schwerpunkt) am häufigsten
Verteilung von \( X \): Die „\( 2 \)" ist mit \( \tfrac{2}{6} \) am wahrscheinlichsten (höchster Balken bei \( 2 \)), der Erwartungswert \( E(X)=3 \) ist der Schwerpunkt (rote Linie) — die beiden Stellen sind verschieden. Bei \( 5 \) gibt es keinen Balken.

AB I — \( P(X \lt 4) \) und Erwartungswert

AB I — Grundkompetenz

Lösung Schritt für Schritt anzeigen

Zuerst die Verteilung von \( X \) (jede Fläche \( \tfrac16 \), die „\( 2 \)" zweimal):

\[ P(X{=}1)=\tfrac16,\quad P(X{=}2)=\tfrac26,\quad P(X{=}3)=\tfrac16,\quad P(X{=}4)=\tfrac16,\quad P(X{=}6)=\tfrac16,\quad P(X{=}5)=0. \]

\( P(X \lt 4) \). „Kleiner als \( 4 \)" meint die Augenzahlen \( 1, 2, 3 \). Diese Wahrscheinlichkeiten addieren sich:

\[ P(X \lt 4) = P(X{=}1)+P(X{=}2)+P(X{=}3) = \tfrac16+\tfrac26+\tfrac16 = \tfrac46 = \tfrac23 \approx 0{,}67. \]

Erwartungswert \( E(X) \). Jeden Wert mit seiner Wahrscheinlichkeit multiplizieren und alles aufaddieren — das ist hier dasselbe wie „alle sechs Flächenzahlen mitteln":

\[ E(X) = \frac{1+2+2+3+4+6}{6} = \frac{18}{6} = 3. \]

Haltung dahinter: Was ist eine Zufallsgröße, eine Wahrscheinlichkeit, ein Erwartungswert? (ganz von vorn)

Zufallsgröße \( X \). Eine Zufallsgröße ist eine Zahl, die vom Zufall abhängt. Hier ist \( X \) die Augenzahl, die nach einem Wurf oben liegt. Vor dem Wurf weiß man sie nicht — man kennt aber die Wahrscheinlichkeiten der möglichen Werte.

Wahrscheinlichkeit. Eine Wahrscheinlichkeit ist ein Maß zwischen \( 0 \) (unmöglich) und \( 1 \) (sicher) dafür, wie oft etwas „auf lange Sicht" eintritt. Bei einem fairen Würfel hat jede der \( 6 \) Flächen die Wahrscheinlichkeit \( \tfrac16 \). Weil zwei Flächen die „\( 2 \)" zeigen, ist die Augenzahl \( 2 \) doppelt so wahrscheinlich: \( P(X{=}2)=\tfrac{2}{6} \). Die „\( 5 \)" steht auf keiner Fläche, also \( P(X{=}5)=0 \).

\( P(X \lt 4) \). Das Zeichen „\( \lt \)" heißt echt kleiner. \( X \lt 4 \) trifft auf \( 1, 2, 3 \) zu — die \( 4 \) nicht (dafür bräuchte es „\( \le \)"). Mehrere getrennte Möglichkeiten, von denen eine eintreten soll, addiert man.

Erwartungswert. Der Erwartungswert \( E(X) \) ist der Durchschnittswert auf lange Sicht — was im Mittel pro Wurf herauskommt, wenn man sehr oft würfelt. Man berechnet ihn als „Wert mal Wahrscheinlichkeit, aufsummiert". Häufige Werte zählen stärker. (Werkzeug: Werkzeugkasten Stochastik.)

Ganz langsam (mit Zahlen)

\[ E(X) = 1\cdot\tfrac16 + 2\cdot\tfrac26 + 3\cdot\tfrac16 + 4\cdot\tfrac16 + 6\cdot\tfrac16. \]

Zähler einzeln: \( 1\cdot 1=1 \); \( 2\cdot 2=4 \) (weil die \( 2 \) doppelt zählt); \( 3\cdot 1=3 \); \( 4\cdot 1=4 \); \( 6\cdot 1=6 \). Summe der Zähler: \( 1+4+3+4+6 = 18 \). Geteilt durch \( 6 \): \( \tfrac{18}{6}=3 \). Also \( E(X)=3 \).

Typische Falle
  • \( P(X \lt 4) \) zu groß, weil man die \( 4 \) mitnimmt. „\( \lt 4 \)" schließt die \( 4 \) aus.
  • Die doppelte \( 2 \) übersehen. Wer mit nur „einer \( 2 \)" rechnet, bekommt bei \( P(X \lt 4) \) und bei \( E(X) \) zu kleine Werte.
  • Falsch gemittelt: Den Durchschnitt der verschiedenen Zahlen \( \tfrac{1+2+3+4+6}{5}=3{,}2 \) zu nehmen, ist falsch — die \( 2 \) ist wahrscheinlicher und muss doppelt eingehen. Richtig: über alle sechs Flächen mitteln \( \Rightarrow 3 \).

AB II — Bedeutung des Erwartungswerts, faires Spiel, Augensumme 8, Bernoulli-Kette

AB II — Standardanforderung

Lösung Schritt für Schritt anzeigen

(1) Bedeutung des Erwartungswerts. \( E(X)=3 \) heißt: Würfelt man sehr oft mit diesem Würfel und bildet den Mittelwert aller geworfenen Augenzahlen, so pendelt sich dieser Mittelwert bei ungefähr \( 3 \) ein. Der Erwartungswert ist also der langfristige Durchschnitt pro Wurf und zugleich der Schwerpunkt (Balancepunkt) der Verteilung.

(2) Ist das Spiel fair? Regel: Einsatz \( 1\,€ \) (immer bezahlt); bei Augenzahl \( 2 \) bekommt man \( 3\,€ \) ausgezahlt, sonst ist der Einsatz weg. Wir betrachten den Reingewinn \( G \) (Auszahlung minus Einsatz):

  • Augenzahl \( 2 \) (Wahrscheinlichkeit \( \tfrac26=\tfrac13 \)): Auszahlung \( 3\,€ \), also Reingewinn \( 3-1 = +2\,€ \).
  • sonst (Wahrscheinlichkeit \( \tfrac46=\tfrac23 \)): Einsatz verloren, Reingewinn \( -1\,€ \).

\[ E(G) = \tfrac13\cdot(+2) + \tfrac23\cdot(-1) = \tfrac{2}{3} - \tfrac{2}{3} = 0. \]

Der erwartete Reingewinn ist \( 0\,€ \) — das Spiel ist fair.

(3) Augensumme \( 8 \) beim zweimaligen Würfeln. Beide Würfe sind unabhängig. Gesucht sind alle Wege, wie die beiden Augenzahlen zusammen \( 8 \) ergeben: \( 2{+}6 \), \( 6{+}2 \) und \( 4{+}4 \). Wahrscheinlichkeiten der einzelnen Würfe einsetzen (mit \( P(2)=\tfrac26 \), \( P(6)=\tfrac16 \), \( P(4)=\tfrac16 \)):

\[ P(\text{Summe }8) = \underbrace{\tfrac26\cdot\tfrac16}_{2,\ \text{dann}\ 6} + \underbrace{\tfrac16\cdot\tfrac26}_{6,\ \text{dann}\ 2} + \underbrace{\tfrac16\cdot\tfrac16}_{4,\ \text{dann}\ 4} = \tfrac{2}{36}+\tfrac{2}{36}+\tfrac{1}{36} = \tfrac{5}{36} \approx 0{,}14. \]

(4) Ein Zufallsexperiment, das eine Bernoulli-Kette ist. Zum Beispiel: Würfle den Würfel \( 10 \)-mal und notiere jedes Mal nur, ob eine „\( 2 \)" fällt (Treffer) oder nicht (Niete). Jeder Wurf hat genau zwei Ausgänge, die Treffer-Wahrscheinlichkeit ist immer \( p=\tfrac13 \), und die Würfe beeinflussen sich nicht. Das ist eine Bernoulli-Kette der Länge \( 10 \); die Trefferzahl ist \( B(10;\,\tfrac13) \)-verteilt.

Haltung dahinter: Was heißt „Bedeutung" des Erwartungswerts wirklich?

Der Erwartungswert ist kein Versprechen für den einzelnen Wurf. \( E(X)=3 \) bedeutet nicht, dass man „meistens eine \( 3 \) würfelt". Es ist ein Durchschnitt über sehr viele Würfe: Trägt man nach jedem Wurf den bisherigen Mittelwert auf, so nähert er sich mit wachsender Wurfzahl der \( 3 \). Bild: der Schwerpunkt der Balken — die Stelle, an der die Verteilung „im Gleichgewicht" wäre, wenn die Balken Gewichte auf einem Brett wären.

Haltung dahinter: Was bedeutet „faires Spiel", und warum der Reingewinn? (ganz von vorn)

Fair heißt: Auf lange Sicht gewinnt keine Seite im Mittel — der erwartete Reingewinn der spielenden Person ist \( 0 \). Ist er positiv, lohnt sich das Spiel für die spielende Person; ist er negativ, verliert sie im Schnitt.

Wichtig ist, den Reingewinn zu betrachten, nicht die Auszahlung allein. Der Einsatz von \( 1\,€ \) wird in jedem Fall bezahlt. Gewinnt man, bekommt man \( 3\,€ \) zurück — der Reingewinn ist also \( 3-1=+2\,€ \), nicht \( +3\,€ \). Verliert man, ist der Einsatz weg: \( -1\,€ \).

Ganz langsam (mit Zahlen)
  • Wahrscheinlichkeit für „\( 2 \)": Es gibt zwei Flächen mit \( 2 \), also \( \tfrac26=\tfrac13 \).
  • Reingewinn dabei: \( +2\,€ \).
  • Wahrscheinlichkeit für „keine \( 2 \)": \( 1-\tfrac13 = \tfrac23 \). Reingewinn: \( -1\,€ \).
  • \( E(G) = \tfrac13\cdot 2 + \tfrac23\cdot(-1) = \tfrac{2}{3} - \tfrac{2}{3} = 0 \).

Genau null — das Spiel ist fair. (Hinweis zur Lesart: „Gewinn \( 3\,€ \)" ist hier als Auszahlung von \( 3\,€ \) verstanden. Dass exakt \( 0 \) herauskommt, bestätigt diese Lesart — die Zahlen sind ersichtlich so gewählt.)

Haltung dahinter: Augensumme — warum mal, warum die zwei Reihenfolgen? (ganz von vorn)

Augensumme ist die Summe der beiden geworfenen Zahlen. Damit \( 8 \) herauskommt, müssen die beiden Würfe zusammenpassen.

Unabhängigkeit → multiplizieren. Die zwei Würfe beeinflussen sich nicht. Für „erst dies, dann das" multipliziert man die Einzelwahrscheinlichkeiten — wie ein zweistufiger Baum, bei dem man die Wahrscheinlichkeiten entlang des Astes malnimmt.

Verschiedene Möglichkeiten → addieren. Es gibt mehrere Wege zur \( 8 \), und sie schließen sich gegenseitig aus. Verschiedene Wege werden addiert. Welche Wege gibt es?

  • \( 2 \) und \( 6 \): einmal „erst \( 2 \), dann \( 6 \)", einmal „erst \( 6 \), dann \( 2 \)" — das sind zwei verschiedene Reihenfolgen.
  • \( 4 \) und \( 4 \): nur eine Möglichkeit (beide Würfe \( 4 \)).

\( 5{+}3 \) oder \( 7{+}1 \) gehen nicht (eine \( 5 \) oder \( 7 \) gibt es nicht), \( 6{+}2 \) ist schon gezählt.

Ganz langsam (mit Zahlen)

\[ \tfrac26\cdot\tfrac16 = \tfrac{2}{36};\qquad \tfrac16\cdot\tfrac26 = \tfrac{2}{36};\qquad \tfrac16\cdot\tfrac16 = \tfrac{1}{36}. \]

Summe: \( \tfrac{2}{36}+\tfrac{2}{36}+\tfrac{1}{36} = \tfrac{5}{36} \approx 0{,}14 \).

Gleicher Weg „von Hand": Beim zweimaligen Würfeln gibt es \( 6\cdot 6 = 36 \) gleich wahrscheinliche Flächen-Paare. Günstig sind \( (2{,}6),(2{,}6),(6{,}2),(6{,}2),(4{,}4) \) — die zwei \( 2 \)-Flächen erzeugen die Doppelungen, macht \( 5 \) günstige von \( 36 \): \( \tfrac{5}{36} \).

Typische Falle
  • Nur eine Reihenfolge zählen (\( 2{+}6 \) ohne \( 6{+}2 \)) — dann fehlt die Hälfte.
  • Die doppelte \( 2 \) vergessen — \( P(2) \) ist \( \tfrac26 \), nicht \( \tfrac16 \).
  • Mit einer „\( 5 \)" rechnen (\( 5{+}3 \)) — die gibt es auf diesem Würfel nicht.
Haltung dahinter: Was macht etwas zu einer „Bernoulli-Kette"? (ganz von vorn)

Ein Bernoulli-Versuch ist ein Zufallsversuch mit genau zwei Ausgängen, die man Treffer und Niete nennt, mit einer festen Treffer-Wahrscheinlichkeit \( p \). Eine Bernoulli-Kette ist derselbe Versuch mehrfach hintereinander, wobei

  • die Wiederholungen unabhängig sind (eine beeinflusst die nächste nicht) und
  • \( p \) bei jedem Mal gleich bleibt.

Unser Würfel hat eigentlich sechs Ausgänge — für eine Bernoulli-Kette muss man ihn auf zwei Ausgänge „eindampfen", indem man die Würfe in zwei Gruppen einteilt. Beispiele:

  • Treffer = „eine \( 2 \)", Niete = „keine \( 2 \)" \( \Rightarrow p=\tfrac13 \).
  • Treffer = „gerade Zahl" (\( 2, 2, 4, 6 \)), Niete = „ungerade" (\( 1, 3 \)) \( \Rightarrow p=\tfrac46=\tfrac23 \).
  • Treffer = „eine \( 6 \)", Niete = „keine \( 6 \)" \( \Rightarrow p=\tfrac16 \).

Würfelt man dann \( n \)-mal und zählt die Treffer, ist man bei einer Bernoulli-Kette (Trefferzahl binomialverteilt). (Mehr: Werkzeugkasten Stochastik.)

AB III — zwei Aussagen beurteilen

AB III — vertiefte Vernetzung

Lösung / Beurteilung anzeigen

Aussage 1: „Der Erwartungswert ist der Wert, der am wahrscheinlichsten ist." Diese Aussage ist falsch. Der Erwartungswert ist der langfristige Durchschnitt, nicht der häufigste Wert (das wäre der Modus). Gegenbeispiel mit unserem Würfel: Der wahrscheinlichste Wert ist die \( 2 \) (mit \( \tfrac26 \) der höchste Balken), der Erwartungswert ist aber \( E(X)=3 \), und ausgerechnet \( P(X{=}3)=\tfrac16 \) ist klein. Erwartungswert und „wahrscheinlichster Wert" sind hier also verschieden — die Aussage stimmt nicht.

Aussage 2: „Sechs Sechser bei \( 100 \) Würfen — ich zweifle an der Fairness." Diese Skepsis ist berechtigt. Bei einem fairen Würfel zeigt genau eine Fläche die \( 6 \), also \( p=\tfrac16 \). Die Anzahl \( Y \) der Sechser bei \( 100 \) Würfen ist \( B(100;\,\tfrac16) \)-verteilt mit

\[ \mu = n\,p = 100\cdot\tfrac16 \approx 16{,}7, \qquad \sigma = \sqrt{n\,p\,(1-p)} = \sqrt{100\cdot\tfrac16\cdot\tfrac56} = \sqrt{\tfrac{500}{36}} \approx 3{,}7. \]

Erwartet wären also rund \( 17 \) Sechser. Beobachtet wurden nur \( 6 \) — das liegt weit darunter. Mit der \( 2\sigma \)-Regel (etwa \( 95\,\% \) der Werte liegen in \( [\mu-2\sigma;\ \mu+2\sigma] \)):

\[ [\,\mu-2\sigma;\ \mu+2\sigma\,] \approx [\,16{,}7 - 7{,}5;\ 16{,}7 + 7{,}5\,] = [\,9{,}2;\ 24{,}1\,]. \]

\( 6 \) liegt außerhalb dieses Bereichs (sogar fast \( 3\sigma \) unter dem Erwartungswert). Ein so kleiner Wert ist für einen fairen Würfel sehr unwahrscheinlich. Der Zweifel an der Fairness ist damit statistisch gut begründet — wobei ein seltenes Ergebnis kein Beweis ist, sondern ein starker Hinweis.

Anzahl der Sechser bei \( 100 \) Würfen, angenähert durch eine Glockenkurve (Erwartungswert \( \mu\approx 16{,}7 \)). Der grüne Bereich ist \( [\mu-2\sigma;\ \mu+2\sigma] \) — dort liegen rund \( 95\,\% \) der Werte. Die Beobachtung \( 6 \) (rot) liegt klar links davon.
Haltung dahinter: Erwartungswert vs. wahrscheinlichster Wert — der Unterschied

Zwei verschiedene „typische Werte" einer Verteilung:

  • Modus = der häufigste Wert (der höchste Balken). Hier: die \( 2 \).
  • Erwartungswert = der Durchschnitt auf lange Sicht (der Schwerpunkt). Hier: \( 3 \).

Die beiden müssen nicht zusammenfallen. Noch deutlicher beim normalen Würfel \( 1\)–\(6 \): Dort sind alle Werte gleich häufig (es gibt keinen einzelnen „wahrscheinlichsten"), aber \( E(X)=\tfrac{1+2+3+4+5+6}{6}=3{,}5 \) — und eine „\( 3{,}5 \)" kann man gar nicht würfeln. Ein Erwartungswert muss also nicht einmal ein möglicher Wert sein. Das widerlegt die Aussage endgültig.

Haltung dahinter: Erwartung, Streuung und die \( 2\sigma \)-Regel (ganz von vorn)

Erwartete Trefferzahl. Bei \( 100 \) Würfen und \( p=\tfrac16 \) erwartet man im Mittel \( 100\cdot\tfrac16\approx 16{,}7 \) Sechser. Das ist die „normale" Größenordnung.

Streuung \( \sigma \). Natürlich kommt selten exakt \( 16{,}7 \) heraus — die Trefferzahl schwankt um diesen Wert. Wie stark sie typischerweise schwankt, misst die Standardabweichung \( \sigma=\sqrt{n\,p\,(1-p)} \). Hier \( \sigma=\sqrt{100\cdot\tfrac16\cdot\tfrac56}=\sqrt{\tfrac{500}{36}}\approx 3{,}7 \). Eine Abweichung von ein, zwei \( \sigma \) ist normal.

\( 2\sigma \)-Regel. Als Faustregel liegen rund \( 95\,\% \) aller Ergebnisse im Bereich \( \mu\pm 2\sigma \), hier \( [\,9{,}2;\ 24{,}1\,] \). Werte außerhalb sind selten (zusammen rund \( 5\,\% \)). \( 6 \) liegt außerhalb — und zwar deutlich. Für einen fairen Würfel wäre „nur \( 6 \) Sechser" also ein ungewöhnlich seltenes Ergebnis; deshalb ist der Zweifel an der Fairness berechtigt.

Ganz langsam (mit Zahlen)
  • \( \mu = 100\cdot\tfrac16 = \tfrac{100}{6} \approx 16{,}67 \).
  • \( n\,p\,(1-p) = 100\cdot\tfrac16\cdot\tfrac56 = \tfrac{500}{36} \approx 13{,}9 \), also \( \sigma=\sqrt{13{,}9}\approx 3{,}7 \).
  • \( 2\sigma \approx 7{,}5 \); Bereich \( [16{,}7-7{,}5;\ 16{,}7+7{,}5] = [9{,}2;\ 24{,}1] \).
  • Abstand der Beobachtung: \( 16{,}7-6 = 10{,}7 \), das sind \( \tfrac{10{,}7}{3{,}7}\approx 2{,}9 \) Standardabweichungen unter dem Erwartungswert. So weit weg ist selten.
Typische Falle
  • „Jede Abweichung von \( 16{,}7 \) bedeutet unfair." Falsch — die Trefferzahl schwankt von Natur aus um \( \sigma\approx 3{,}7 \). Erst eine Abweichung deutlich über \( 2\sigma \) ist auffällig.
  • „Damit ist bewiesen, dass der Würfel unfair ist." Auch falsch — es ist ein starker Hinweis, keine Gewissheit. Seltene Ergebnisse kommen auch bei fairen Würfeln vor, nur eben selten.

Prüfer-Leitfaden (für die abfragende Person)

Hier steht je Teilaufgabe, was eine gute Antwort enthält und welche Rückfrage du stellen kannst. Du musst nichts selbst rechnen — achte auf die genannten Stichworte.

Leitfaden Teil 1 (Analysis) aufklappen
  • a) Ablesen. Erwartet: \( f'(2) \) als Steigung über eine Tangente \( \approx -1 \); das Integral als Fläche über Kästchenzählen \( \approx 19\cdot 0{,}25 = 4{,}75 \). Rückfrage: „Was ist der Unterschied zwischen \( f(2) \) und \( f'(2) \)?" Rote Flagge: Kästchen mit Flächeninhalt \( 1 \) gezählt (statt \( 0{,}25 \)).
  • b) Höhe. Erwartet: Das Integral ist der Zuwachs in cm; Höhe \( = 20 + 4{,}75 = 24{,}75 \) cm. Rückfrage: „Warum darf man die Fläche unter der Rate einfach zur Starthöhe addieren?" (Antwort: Rate mal Zeit ergibt Länge — Tacho/Strecke.)
  • c) Stärkste Abnahme. Erwartet: \( f''(t)=8(t-2)e^{-t} \), Ansatz \( f''=0 \Rightarrow t=2 \), kurz begründet als Wendepunkt / Minimum von \( f' \). Rote Flagge: \( f'=0 \) gesetzt (das liefert \( t=1 \), das Maximum der Rate). Rückfrage: „Welche Ableitung beschreibt, wie stark die Rate fällt?"
  • d) Fragestellung + Grafik. Erwartet: sinnvolle Frage wie „In welchem \( 1 \)-Tages-Zeitraum wächst die Pflanze um \( 2{,}5 \) cm?"; grafisch ein Streifen der Breite \( 1 \), verschoben bis die Fläche \( 2{,}5 \) ist, linker Rand = Lösung. Hinweis für dich: Ein beschriebenes Verfahren ist hier die volle Antwort; einen exakten Zahlenwert braucht es nicht.
Leitfaden Teil 2 (Stochastik) aufklappen
  • \( P(X \lt 4) \), \( E(X) \). Erwartet: \( P(X \lt 4)=\tfrac46=\tfrac23 \) (Werte \( 1, 2, 3 \), die \( 2 \) doppelt); \( E(X)=\tfrac{1+2+2+3+4+6}{6}=3 \). Rückfrage: „Warum zählt die \( 2 \) doppelt?" Rote Flagge: die \( 4 \) bei \( P(X \lt 4) \) mitgenommen.
  • Bedeutung \( E \) / faires Spiel. Erwartet: \( E(X) \) = langfristiger Durchschnitt; Spiel über erwarteten Reingewinn \( E(G)=\tfrac13\cdot 2 + \tfrac23\cdot(-1) = 0 \Rightarrow \) fair. Rückfrage: „Wie hoch ist der Reingewinn, wenn man gewinnt — \( 3\,€ \) oder \( 2\,€ \)?" (Antwort: \( 2\,€ \), der Einsatz ist schon bezahlt.)
  • Augensumme \( 8 \). Erwartet: \( 2{+}6,\ 6{+}2,\ 4{+}4 \); \( P=\tfrac{5}{36} \). Rote Flagge: nur eine Reihenfolge gezählt oder \( P(2)=\tfrac16 \) angesetzt. Rückfrage: „Wie viele Möglichkeiten gibt es, mit zwei Würfen auf \( 8 \) zu kommen?"
  • Bernoulli-Kette. Erwartet: Versuch auf zwei Ausgänge reduziert (z. B. „\( 2 \) / keine \( 2 \)"), \( n \)-mal unabhängig mit festem \( p \). Rückfrage: „Was ist hier der Treffer, und wie groß ist \( p \)?"
  • AB III, Aussage 1. Erwartet: falsch — Erwartungswert (\( 3 \)) ist nicht der häufigste Wert (\( 2 \)); ein E-Wert muss nicht einmal vorkommen können. Rückfrage: „Welche Augenzahl ist am wahrscheinlichsten — und wie groß ist \( E(X) \)?"
  • AB III, Aussage 2. Erwartet: erwartete Sechser \( \approx 17 \), \( \sigma\approx 3{,}7 \), \( 6 \) liegt außerhalb \( [\,9{,}2;\ 24{,}1\,] \Rightarrow \) Zweifel berechtigt (Hinweis, kein Beweis). Rückfrage: „Wie viele Sechser würde man bei einem fairen Würfel erwarten?"

Selbstcheck: Kannst du es mündlich erklären?

Sprich diese Punkte einmal frei und laut durch, ohne in die Lösung zu schauen:

  • Wie liest du \( f'(2) \) und das Integral \( \int_0^2 f\,dt \) aus dem Bild ab — und was misst jedes von beiden im Sachzusammenhang?
  • Warum ist die Fläche unter der Wachstumsrate genau der Höhenzuwachs der Pflanze?
  • Welche Ableitung setzt du null, um die stärkste Abnahme der Wachstumsrate zu finden, und warum?
  • Warum zählt die Augenzahl \( 2 \) bei diesem Würfel doppelt, und wie wirkt sich das auf \( E(X) \) aus?
  • Woran erkennst du, dass das Spiel fair ist — und warum ist der Gewinnfall \( +2\,€ \) und nicht \( +3\,€ \)?
  • Warum sind sechs Sechser bei \( 100 \) Würfen ein guter Grund, an der Fairness zu zweifeln?
Build 5169faf · 2026-06-27T18:41:29Z · Provenance: DLG-2026-06-17-B61, DLG-2026-06-18-B62/B63, DLG-2026-06-18-Z01 · Strang mathe-abi